RUSSISCHES NEUJAHR AN DER WEICHSEL, 5. Kapitel

Auszüge  aus:  ??
Russische Offensive "Baranow" und Rückzugsgefechte der 4.Pz.Armee bis Glogau

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Es kann angenommen werden, daß zu Beginn des Jahres 1945 im Osten beide Seiten wußten, was ihnen bevorstand. Die Deutschen hatten die Schwerpunkte der drohenden sowjetischen Offensive durch Aufklärung erkannt. Der Einsatz sowjetischer Kundschaftergruppen hinter der deutschen Front wurde auf einer Karte im Hauptquartier des Heeres, in Zossen, von Offizieren der Abteilung Fremde Heere Ost vermerkt.

Die russische Seite erfuhr durch die am Fallschirm abgesprun­genen Funktrupps die deutsche Schwäche.

Danach würde es zu einer Schlacht um Ostpreußen kommen, die durch einen Zangenangriff der 3. Weißrussischen Front südlich der Memel und der 2. Weißrussischen Front aus dem Narewbrückenkopf ausgelöst werden sollte.

Der August 1914 stand nochmals bevor, mit der 1. russischen Armee unter Rennenkampff und der 2. russischen Armee unter Samsonow, die gemeinsam die deutsche 8. Armee in Ostpreußen einschließen und vernichten sollten, wozu es aber nicht kam. Für General Samsonow würde nun General Rokossowskij zuschlagen, für Rennenkampff General Tschernjakowskij. Die Rache für Tannenberg, die Rokossowskij nehmen wollte, unterstützt von Tschernjakowskij, wurde 1945 nicht gefährdet durch die Armeekorps, die von den Deutschen aus dem Westen nach dem Osten abgezogen würden, denn die beiden Panzerar­meen der Ardennenschlacht hatte Hitler Ende Dezember nicht freigegeben.

Am 9. Januar 1945 fand die letzte Lagebesprechung Guderians bei Hitler im hessischen Ziegenberg statt. Er brachte die Karten und Schaubilder mit, die auf das hinwiesen, was in Kürze ein­treten konnte. Hitler erklärte die Ausarbeitungen für »völlig idiotisch«, der Bearbeiter solle sofort in ein Irrenhaus eingesperrt werden. Zornig erwiderte Guderian: »Die Ausarbeitungen stammen von General Gehlen, einem meiner tüchtigsten Generalstabsoffiziere. Ich hätte sie Ihnen nicht vorgetragen, wenn ich sie mir nicht zu eigen gemacht hätte. Wenn Sie ver­langen, daß der General Gehlen in ein Irrenhaus kommt, dann sperren Sie auch mich gleich dazu.«

Guderian kam von einem Besuch an der langgestreckten Ost­front; er war wütend. Er vermutete ja nichts mehr, er kannte fast alles, was kommen sollte, er zeigte die Beweise vor, aber auch in dieser »letzten Stunde« versagte sich ihm der Mann, der noch immer so viel Macht über die Deutschen hatte.

Am 1. Januar 1945 betrug die Iststärke des Feldheeres auf allen Fronten 4 200 000 Mann.

Mit einem Bruchteil dieser Truppenstärke sollten die Heeresgruppen  A und Mitte (Harpe und Reinhardt) 150 sowjetische Infanterie- und Panzerdivisionen aufhalten. So viele Verbände hatte die deutsche Ostfront am 22. Juni 1941.

»Die Ostfront hat noch nie so viele Reserven gehabt wie jetzt«, sagte Hitler zu Guderian. »Das ist Ihr Verdienst. Ich danke Ihnen dafür.«

Darauf Guderian: »Die Ostfront ist wie ein Kartenhaus. Wird die Front an einer einzigen Stelle durchstoßen, so fällt sie zusammen, denn zwölfeinhalb Divisionen als Reserven sind für die gewaltige Ausdehnung der Front viel zu wenig.«

Hitlers Antwort: »Der Osten muß sich allein helfen und mit dem auskommen, was er hat.«

An diesem 9. Januar war das Frostwetter eingetreten, auf das die russische Seite wartete. Am 6. Januar hatte Churchill, der sich wunderte, weshalb die Russen nicht angriffen, während im Westen die Ardennenschlacht geschlagen werden mußte, beunruhigt an Stalin geschrieben: »Im Westen sind schwere Kämpfe im Gange, die Oberste Heeresführung kann jeden Augenblick vor großen Entscheidungen stehen. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie beunruhigend eine Lage ist, wenn man nach einem vorausgegangenen Verlust der Initiative eine sehr ausge­dehnte Front zu verteidigen hat. General Eisenhower wünscht, in allgemeinen Umrissen zu wissen, was Sie zu unternehmen gedenken, weil davon seine und unsere Entscheidungen abhängen. Ich wäre Ihnen dankbar, falls Sie dazu in der Lage sind, uns liebenswürdigerweise mitzuteilen, ob wir mit einer großan­gelegten russischen Offensive an der Weichselfront oder in einem anderen Abschnitt im Laufe des Januar oder zu einem anderen, beliebigen Zeitpunkt rechnen können. Seien Sie versi­chert, daß ich diese streng geheime Information vertraulich be­handeln und niemanden, außer Feldmarschall Brooke und Ge­neral Eisenhower, unter der Bedingung, strengstes Stillschweigen zu bewahren, davon in Kenntnis setzen werde. Ich halte diese Angelegenheit für sehr dringend.« Stalin, der einen Tag bevor Churchill diesen Brief schrieb, das Lubliner Komitee als Provisorische Regierung Polens anerkannt hatte, antwortete so­fort. Am 7. Januar teilte er Churchill mit, daß die Sowjetarmee bereit wäre, den Alliierten in der zweiten Januarhälfte durch eine großangelegte Offensive an der Weichselfront zu Hilfe zu kommen.

Er hatte seinen Preis für diese Offensive, Polen, und nun brauchten ihn auch ungünstige Wetterverhältnisse nicht mehr abhalten, angreifen zu lassen.

Marschall Schukow hatte im Dezember den Befehl über die 1. Weißrussische Front übernommen. Er war damals erster Stell­vertreter Stalins in der Kriegführung der Sowjetunion. In einer Lagebesprechung, die im Dezember in Siedlce stattfand, nannte sein Stabschef General Malinin das Ziel. Es war nicht weit ge­steckt. Die Streitkräfte der Front sollten die ihnen gegenüber­liegenden Kräfte des Gegners vernichten und Warschau ein­nehmen. Am zehnten oder zwölften Tag der Offensive sollten sie bis zur Linie Kutno.—Lodz vorstoßen. Anschließend war vor­gesehen, mit einem Doppelkeil, gebildet aus den Truppen der 1. Weißrussischen und 1. Ukrainischen Front, möglichst tief in das von den Deutschen besetzte Territorium einzudringen. Hierfür waren versorgungstechnisch weitere zehn bis zwölf Tage vorgesehen. Man rechnete mit einem Angriffstempo von zehn bis zwölf Kilometern am Tag.

 

Der Frontstab gab keinen schriftlichen Befehl heraus, Schukow hielt aber ein Planspiel ab, das auf der Lagekarte stattfand. Dabei wurden mündlich die Aufgaben der Truppen abgesteckt und das Zusammenwirken der Infanterie- und Panzerarmeen, der Luftwaffe und der Artillerie aufeinander abgestimmt.

Während des Planspiels erfuhren die sowjetischen Offiziere, daß der Hauptstoß aus dem Weichselbrückenkopf Magnuszew mit der 5., 8. und 61. Armee, der 1. und 2. Panzerarmee geführt werden sollte. Warschau war zu umgehen; die allgemeine Rich­tung war Berlin.

Marschall Schukow hatte im Winter 1941/42 die Hauptstadt der Sowjetunion, Moskau, vor der Einnahme durch die Deut­schen bewahrt. Der Retter Moskaus sollte nach Stalins Willen der Eroberer Berlins werden.

Beim Planspiel in Siedlce wurde von Berlin nicht gesprochen, aber alle dachten an dieses Ziel. Marschall Rokossowskij, der Anfang Dezember 1944 die Führung der 1. Weißrussischen Front an Schukow abtreten mußte, war unglücklich, weil ihm nur die Eroberung Ostpreußens zufiel.

Schukows linker Nachbar war Marschall Konjew mit der 1. Ukrainischen Front. Die Rivalität beider Marschälle entstand im Oktober 1941, als Schukow aus Leningrad an die Front vor Moskau fuhr, in leeres Land, zu Konjew, dessen Truppen bei Wjasma eingekesselt waren. Seitdem wollte Konjew seinem Ri­valen Schukow zeigen, daß er auch Schlachten gewinnen konnte, und das geschah. Konjew war jetzt Schlesien zugewiesen worden, aber am Ende sollte er Schukow die Eroberung Berlins streitig machen, doch das lag jetzt noch im Schoß der Zukunft, die über die Deutschen hereinbrechen würde. Die sowjetischen Heerführer rechneten in Siedlce mit hohen eigenen Verlusten, obwohl sie den Deutschen stark überlegen an Menschen und Kriegsmaterial waren. Sie respektierten die Fähigkeit der Deut­schen, sich in ausweglosen Lagen zu behaupten, zwei Jahre hatte der Marsch von der Wolga bis zur Weichsel gedauert, drei Jahre von Moskau bis vor Warschau. Der Kräfteverfall bei den deut­schen Truppen, den sie seit 1943 wahrnahmen, konnte aufhören, wenn diese Truppen gezwungen waren, sich an der alten Reichsgrenze zum letzten Kampf zu stellen. Der Endkampf würde entsetzlich werden.

Der Angriff sollte am russischen Neujahrstag, dem 12. Januar,

beginnen, das neue Jahr würde den Sieg über das Deutsche Reich bringen, und an der Weichsel sollten die ersten Schläge geführt werden. Vorher unterhielten sie die Deutschen mit dröh­nender Tanzmusik und russischem Chorgesang aus Lautspre­chern in den Brückenköpfen jenseits der Weichsel.

Die Deutschen wurden unruhig.

 

Generaloberst Harpe, der Oberbefehlshaber der deutschen Hee­resgruppe A, hatte Guderian bei einem Besuch im Januar in sei­nem Hauptquartier Krakau vorgeschlagen, unmittelbar vor Be­ginn des von ihm für den 12. Januar erwarteten Angriffs das linke Weichselufer aufzugeben, das noch in deutscher Hand war. Eine wesentlich kürzere vorbereitete Stellung hinter der Pilica sollte bezogen werden, die etwa 20 Kilometer entfernt lag. Dabei konnte man einige Divisionen aus der Front ziehen und sich damit Reserven schaffen. Auch Generaloberst Reinhardt, Oberbefehishaber der Heeresgruppe Mitte, hatte das vorgeschla­gen. Doch Hitler lehnte es am 9. Januar ab.

 

Am 12. Januar 1945, um 5 Uhr morgens, 7 Uhr Moskauer Zeit, wurde an die Soldaten der 1. Ukrainischen Front im Brückenkopf von Baranow warmes Essen ausgeteilt. Sie wurden auf eine weite Reise geschickt, die erst an der Elbe, in Thüringen, an Werra und Fulda enden sollte. Es war ein sonniger Wintertag mit Frost und geschlossener Schneedecke.

Den Soldaten aus dem Brückenkopf von Baranow folgten am 14. Januar alle Verbände der 1. Weißrussischen Front aus den Brückenköpfen von Magnuszew und Pulawy.

 

Der Befehlshaber der 8. Gardearmee, General Tschuikow, der in Stalingrad den Widerstand geleitet hatte, schreibt: »Es waren über zehntau­send Geschützrohre auf die Verteidigungsstellungen des Geg­ners gerichtet. Zweihundert bis zweihundertfünfzig Geschütze und Granatwerfer je Frontkilometer garantierten den Erfolg. Tausende von Panzern und Sturmgeschützen standen in den Wartestellungen bereit. Tausende von Flugzeugen warteten mit eingehängten Bomben auf den Einsatzbefehl. Aus den Lautsprechern aber dröhnte noch immer Tanzmusik und Gesang. Nach Mitternacht begann der sternklare Himmel sich zu trüben. In der Morgendämmerung wurde der Nebel immer dichter und verwandelte sich schließlich in einen undurchsichtigen Vorhang. Man konnte in zehn Meter Entfernung nichts mehr unterscheiden,

Um 8.25 Uhr (Moskauer Zeit) erging das Kommando: »Feuerbereit machen.< Um 8:30 Uhr >Achtung! Feuer!<

Als vom Donner der Salven aus tausenden Geschützen die Erde erbebte und wie im Fieber zu erzittern begann, waren die Gedanken und Blicke nach vorne gerichtet. Beim Morgengrauen war das ganze Tal in dichten Nebel gehüllt. Um 8.55 Uhr ging die erste Angriffswelle zum Sturm über. Infanterie und Panzer wiesen sich gegenseitig den Weg und nahmen den Gegner unter Beschuß. Nach einigen Minuten war der erste, auch bald der zweite Schützengraben genommen.

 

Bei Tagesan­bruch war die gesamte erste Verteidigungslinie des Feindes fest in unseren Händen. Die vorgeschobenen Beobachtungsposten und Gefechtsstände des Gegners hatten durch den Artillerieüberfall untereinander die Verbindung verloren. In der Dunkel­heit waren sie nicht in der Lage, irgend etwas gegen uns zu un­ternehmen.

 

Sobald es Tag wurde, hatte sich der Gegner wieder gefangen. Unsere Truppen bekamen das sehr rasch zu spüren. Der Gegner zog sich nicht auf die dritte und letzte Stellung zurück, sondern warf seine Reserven in die Schlacht und ging sogar zu starken Gegenangriffen über. Seine Infanterieeinheiten und die noch zur rechten Zeit herangeschafften Panzerregimen­ter griffen ununterbrochen den linken Flügel meiner Armee an. Die Truppe war erschöpft durch die psychische Anspannung. Soldaten können vor dem Einsatz zum Angriff nicht schlafen.« Auch die russischen Soldaten des letzten Kriegsjahres hatten nicht mehr die Kraft der Jahre 1942 und 1943.

 

Aber sie besaßen das Material, das sie hier am nächsten Tag einsetzten, dazu die mächtige Luftwaffe, und so gelang ihnen der Durchbruch. Die deutsche 9. Armee, die ihnen Widerstand entgegensetzte, hatte jahrelang in der Mitte der Ostfront gekämpft. Sie stand nach der Schlacht um Moskau im Winter 1941/42 der sowjetischen Hauptstadt am nächsten. Nun wußte sie hinter sich nur noch Frankfurt an der Oder, wenn sie über­haupt noch dahin gelänge. Am 13. Januar vermerkt das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht lakonisch: »Der Stellv. Chef weist darauf hin, daß mit Beginn des Angriffs im Osten eine neue Phase in dem Kampf um Großdeutschland begonnen hat. Zu überlegen sei, ob dies eine letzte Anstrengung des Russen sei oder ob er noch imstande sein werde, weitere Angriffe zu führen. Für die eigene Sache gehe es jetzt ums Ganze. «


 

01.08.2004

LANGER MARSCH HEIMWÄRTS, 6. KAPITEL

Der General der Panzertruppe, der am I2. Januar südlich der polnischen Stadt Kielce in den ungeheuren Schlachtenlärm lauschte, den Kopf etwas vorgeneigt, die rechte Hand hinter dem wie ertaubten Ohr, hatte viel derartigen Lärm gehört, aber dieser war der fürchterlichste. Der Stab seines 24. Panzerkorps versuchte, auf der Lagekarte Ordnung in die taktischen Zeichen zu bringen, die durch den russischen Großangriff aus dem Brückenkopf von Baranow durcheinandergewirbelt wurden; die Flut der Meldungen, der abgehörten Funksprüche war am frü­hen Morgen stetig gestiegen; jetzt, gegen Mittag, ging sie zurück. Der Lärm im Südosten blieb. Er näherte sich, aber seine Richtung wies nicht direkt auf das Stabsquartier General Nehrings, er meinte, dies alles könne an ihm vorüberbrausen, aller­dings nach Westen, dem Reich entgegen, das er hier verteidigen sollte nahe der Weichsel.

 

Vor ihm, an der Brückenkopffront, hatten bis zum Morgen die­ses Tages drei Infanteriedivisionen gelegen, die 6o Kilometer Frontbreite zu halten hatten. Dort war jetzt ein großes Loch, durch das die Truppen der 1. Ukrainischen Front des Marschalls Konjew drangen. Das waren 6o Schützendivisionen, 8 Panzerkorps, 8 selbständige Panzerbrigaden, 1 Kavalleriedivision und Artillerie bis zu 250 Rohren auf einem Kilometer Front. Links von diesem rasch geschlagenen Loch hielt noch das 42. Armeekorps des Generals Recknagel seine Stellungen an der Weichsel; es wurde nicht angegriffen. Nehrings 24. Panzerkorps sollte bei einem russischen Angriff erst auf ausdrückliche Weisung des Oberkommandos der Wehrmacht, also Hitlers, eingesetzt werden.

 

Es bestand aus der 16. Panzer-Division, die einst als erster deutscher Verband die Wolga nördlich Stalin­grad erreicht hatte, aus der 17. Panzer-Division, die Brjansk Anfang Oktober 1941 nahm, nachdem ihr Nehrings 18. Pan­zer-Division durch die Einnahme von Karatschew die Gelegenheit dazu gegeben hatte. Diese 17. Panzer-Division gehörte auch zu den Entsatzverbänden, die im Dezember 1942 die in Stalin­grad eingeschlossene 6. Armee befreien sollten — ihr unterstand auch die 16. Panzer-Division damals —‚ aber wann war das, und was war seitdem geschehen?

 

Zu Nehrings Panzerkorps gehörte noch die 20. Panzergrenadier-Division, doch bei ihr, ostwärts von Kielce, blieb es an diesem Tag ruhig. Nehring ist besorgt um seinen rechten Flügel, der im russischen Einbruchsraum kämpft. Abends weiß er, daß die Tiger-Panzerabteilung 424 von durchgebrochenen russischen Panzern vernichtet wurde, als sie auftankte und sich zum Gegenstoß bereitstellen wollte. Ihr Kommandeur ist gefallen, der Kommandeur der 17. Panzer-­Division verwundet in Gefangenschaft geraten.

 

Gewarnt hatte General Nehring, die Reserven so nahe der Front bereitzustellen. Aber Hitler hatte die Aufstellung befohlen; keine Einsicht in die Dinge, keine militärische Vernunft konnte Hitler davon abbringen, die Truppe ins Verderben zu befehlen. Auch jetzt, am Abend des ersten Schlachttags, erhält Nehring nicht den erwarteten Befehl, mit dem, was von seinem Korps noch übrig ist, im Bewegungskrieg zu operieren, wie es der Gegner macht. Hitler befiehlt, stehenzubleiben_und den »Eckpfeiler Kielce« zu halten.

 

Am nächsten Tag, dem 13. Januar, stehen die aus dem Brüc­kenkopf von Baranow vorpreschenden russischen Truppen schon im Rücken des 24. Panzerkorps, sie gehen gegen Kielce vor. Nehring macht sich Gedanken über die Einkreisung, die sich abzeichnet. Der General, der sich bisher noch nie mit sei­nen Soldaten einkesseln ließ, richtet seine Aufmerksamkeit nach Norden, zur 9. Armee des Generals der Panzertruppe Smi­lo Freiherr von Lüttwitz. Wird sie halten, wenn sie aus den Brückenköpfen von Pulawy und Magnuszew angegriffen wird? Mit Lüttwitz, der ihm unterstellt war, hatte Nehring Ende Janu­ar 1942 den Kessel um Suchinitischi aufgebrochen, den General v. Gilsa mit 5ooo Mann befreit; man kann sich aufeinander verlassen. Aber vor welcher Aufgabe stehen diese Panzergenerale jetzt?

 

Lüttwitz, der weiß, daß am nächsten Morgen, dem 14. Januar, Marschall Schukows 1. Weißrussische Front seine  9. Armee angreifen wird, kann sich vorstellen, wie das ausgeht. Er sah, wie am 12. Januar die 4. Panzerarmee des Generals Gräser aus dem Brückenkopf von Baranow heraus zerschlagen wurde. Er war nicht mehr in Rußland, doch in Polen, und ihm war dieser Osten, das weite, flache Land, schon schrecklich vorgekommen, als er im ersten Weltkrieg in der Ukraine kämpfte.

 

Als Lüttwitz im Dezember 1941 mit seinem Schützenregiment 12 nördlich von Tula an der Straße nach Moskau stand, bei 40 Grad Kälte, glaubte er, am Nordpol angekommen zu sein. An seine Frau hatte er geschrieben: »Tiedemann kam gerade vom Urlaub zurück, mußte uns viel von Deutschland erzählen. Das kommt uns vor, als sähe man in den Himmel. Dies Land hier ist aber auch fürchterlich.«

 

Nun war der General der Panzertruppe von Lüttwitz Deutschland sehr nahe, es lag nicht mehr im Himmel, es befand sich sehr irdisch im kalten Ostwind hinter ihm, und hinter ihm war nichts mehr, außer einigen Panzer-Divisionen, die aber die Lage nicht wiederherstellen konnten, sobald die 1. Weißrussische Front morgen angriff.

 

Auch Nehring spürte die Nähe seines Landes; wenn er auf der Karte sich die Straßen nach Norden ansah, so erblickte er bald Westpreußen, seine Heimat; dorthin könnte er, wenn hier unten in Südpolen alles verloren ging, mit seinen Panzern fahren. Noch war der Weg frei, und sollte es nicht einem Panzergene­ral gestattet sein, an die Plätze seiner Kindheit zu denken, wie auch Marschall Schukow daran dachte, als er Anfang Oktober 1941 aus Moskau ins leere Land fuhr, um seine Truppen zu suchen, die von den Deutschen eingekesselt waren? Das Dorf seiner Mutter, das er dann links liegen ließ?

 

Nun hatte Marschall Schukow nur noch den Befehl zum Antre­ten der 1. Weißrussischen Front zu geben, und sie würde in die 9. Armee des Generals von Lüttwitz das gleiche Loch schlagen wie Konjew weiter südlich in die 4. Panzerarmee. Da er von Stalin den Auftrag erhalten hatte, Berlin zu erobern, wollte er mit seinen Kräften sparsam umgehen; er hatte den Armeen nur kurze Tagesziele gegeben. Zu vergleichen war er jetzt mit Feldmarschall von Bock, dessen Heeresgruppe Mitte 1941 Moskau einschließen und erobern sollte. Die Armeen und Panzerkorps, die von den Deutschen ihm noch entgegengestellt werden konnten, wurden von den Divisionskommandeuren und Regi­mentskommandeuren des Jahres 1941 geführt, Nehring und Lüttwitz, auch von anderen, deren Namen Schukow seit 1941 kannte.

 

Schukow unterstand die 1. Panzerarmee, die den Durchbruch operativ ausweiten sollte. Ihr Kommandeur war General Katu­kow, der als Oberst auf den Höhen von Mzensk, nördlich Orel, im Oktober 1941 mit seiner Panzerbrigade die deutsche 4. Panzer-Division, entscheidend für die damalige Lage, aufgehal­ten hatte. Die 4. Panzer-Division, in der Oberst v. Lüttwitz ein Regiment führte. Derselbe Lüttwitz nun als Kommandierender General der 9. Armee, die Katukow zu durchstoßen hatte: die Wiederkehr mancher Dinge im Kriege, aber nun spiegelver­kehrt, keine Begegnung der Generale von Gesicht zu Gesicht, nur das Summen der Funksprüche, die gegenseitig abgehört werden.

Man wußte voneinander.

 

Die deutsche Panzerbrigade hatte bei Mzensk 1941 Oberst Eberbach geführt. Auf Eberbach würde Katukow nicht treffen, der war längst in Gefangenschaft, aber nicht hier im Ostkrieg, sondern im Westkrieg; als General der Panzertruppe hatte er im August 1944 den Versuch unternehmen müssen, die bei Avranches durchgebrochenen Amerikaner abzuschneiden, was mißglückte. Später geriet er in Gefangenschaft.

 

Das war die Dimension des Krieges, in der geführt werden mußte. Und hatte Nehring nicht als Kommandierender General des deutschen Afrikakorps bei El Alamein 1942 in Agypten gestanden, im Brückenkopf von Tunis gegen die ersten Amerikaner gekämpft?

Welche Entfernungen legte er zurück, wie lang ist der Weg des Soldaten heimwärtsl

 

Am 14. Januar erfuhr Nehring, daß er mit seinem Panzerkorps eingeschlossen war. Der Brückenkopf von Pulawy hatte seine Schleusen für Katukows Panzerarmee geöffnet. Aber auch Ge­neral Recknagels 42. Armeekorps war mit ihm abgeschnitten, doch es lag noch, unangegriffen, an der Weichsel. Die Funkver­bindungen zur 4. Panzerarmee und zur Heeresgruppe A sind abgerissen. Luftwaffe steht Nehring nicht zur Verfügung. Er ist jetzt, wie Recknagel, allein, ohne Kenntnis der Gesamtlage, sich selbst überlassen.

 

Nehring wartet auf Recknagels Divisionen des 42. Armeekorps. Dieses Warten ist er seinem Rufe schuldig, denn noch nie hat er Soldaten im Stich gelassen. Die Divisionen, die von der Weichsel zurückweichen, haben keine Panzer, sie marschieren zu Fuß. In der Nacht zum 15. Januar wird in Nehrings Stab ein Funkspruch der 9. Armee abgehört; der allgemeine Rückzug soll angeordnet worden sein. Recknagel bestätigt es durch Ent­sendung eines Ordonnanzoffiziers.

Zwei Tage kämpft Nehrings Panzerkorps westlich der Bergwäl­der der Lysa Gora, durch die er von Osten her das 42. Armeekorps erwartet. Zu Hilfe kommen kann er nicht, aber er weiß, daß er zusammen mit den Divisionen von der Weichsel beim Rückzug stärker sein wird.

 

Als General Recknagels Divisionen sich endlich am Mittag des 15. Januar von der Weichsel, wo sie nicht angegriffen wurden, weil sie im Windschatten der russischen Durchbrüche aus den Brückenköpfen standen, absetzen durften, waren die russischen Panzerspitzen schon 150 Kilometer hinter ihnen nach Westen vorgedrungen. Nie konnten Infanteriedivisionen diesen Vor­sprung einholen.

 

Generalmajor Hans von Ahlfen, der einen Sperrverband wäh­rend des Rückzugs des 42. Armeekorps führte, beschrieb später die Lage, wie sie sich am 16. Januar entwickelt hatte: »Eine völlige Niederlage der Heeresgruppe A. Die Masse der 4. Pan­zerarmee und der 9. Armee ist zerschlagen, in Gefangenschaft geraten oder versprengt. Beide Armeeoberkommandos haben keine Übersicht mehr über die Truppe, da ihre Nachrichtenverbindungen verloren gingen. Sie sind deshalb, ohne Verschulden, unfähig zu führen. Jetzt müssen sie den weiteren Verlauf der Initiative noch kampfkräftig gebliebener Truppen überlassen. Die Freiheit des Handelns war nicht zurückzugewinnen. Das Loch im Großen Weichselbogen war 300 Kilometer tief,

 

die Verluste noch nicht zu übersehen. Ob Hitler jetzt belehrt war, das strategische Schwergewicht nach dem Osten zu legen, war fraglich. Denn die Ablösung des an dieser Niederlage unschuldigen Generalobersten Harpe, des Generals von Lüttwitz und die Berufung des Generalobersten Schörner aus Kurland an diesen Teil der Front am 16. Januar war noch kein Zeichen für eine Verlagerung des Schwerpunktes.«

 

Am 15. Januar hatte Hitler, der noch im hessischen Waldlager sich aufhielt, gegen den Einspruch Guderians befohlen, das Panzerkorps Großdeutschland aus Ostpreußen in den Raum um Kielce zu transportieren, um den russischen Durchbruch auf Posen aufzufangen. Guderian machte Hitler darauf aufmerk­sam, daß dieses Korps mit seinen kampfkräftigen Divisionen —der Panzergrenadier-Division Brandenburg und der Fallschirmpanzer-Division Hermann Göring — auf der Eisenbahn sitzen würde, während um die Entscheidung gerungen wurde. Seine Weigerung, den Befehl auszuführen, versetzte Hitler in Zorn. Aber er fuhr endlich nach Berlin, wo Guderian war. Den Feldmarschällen Rundstedt und Model gab er vor der Abreise die Weisung, die Alliierten im Westen solange wie möglich zurückzuhalten. Im Sonderzug erreichte ihn ein Anruf Guderians, der ihn beschwor, alles nach dem Osten zu werfen«. Einer seiner Adjutanten, der SS-Sturmbannführer Günsche, sagte: »Berlin ist sehr praktisch als Hauptquartier. Man kann dort bald mit der S-Bahn von der Ostfront zur Westfront fahren.« Als Guderian am 16. Januar das Vorzimmer zu Hitlers Arbeits­zimmer in der Reichskanzlei betrat, in der Hitler sein letztes Führerhauptquartier aufgeschlagen hatte, erfuhr er, daß Hitler sich endlich entschlossen habe, die Westfront auf Verteidigung umzustellen und die hierdurch freiwerdenden Kräfte nach dem Osten zu werfen. Da der Generaloberst sich für diesen Fall einen Plan zur Verwendung der Reserven gemacht hatte (er wollte sie unverzüglich an die Oder werfen, um jenseits des Flusses die russischen Stoßkeile anzugreifen), fragte er Generaloberst Jodl, was Hitler befohlen habe.

 

Jodl erwiderte, die Mas­se der freiwerdenden Truppen, die 6. SS-Panzerarmee Sepp Dietrichs, würde nach Ungarn befördert. »Ich geriet außer mir«, schreibt Guderian, »und brachte meine Empörung unzweideutig zum Ausdruck, konnte aber nicht mehr als ein Achselzucken aus ihm herauslocken.«

 

Von Hitler erfuhr er bei der Lagebesprechung, daß in Ungarn die Russen wieder über die Donau geworfen werden sollten und Budapest zu entsetzen sei. Als Begründung gab Hitler eine Variante seiner wirtschaftlichen Kriegführung, die Guderian schon im August 1941 entsetzt hatte, als es um die Frage Mos­kau oder Kiew ging. Hitler meinte, die ungarischen Erdölquel­len und Raffinerien seien nach der Zerbombung der deutschen Hydrierwerke unentbehrlich. »Wenn Sie keinen Brennstoff mehr erhalten«, sagte er, »können Ihre Panzer nicht mehr fah­ren und die Flieger nicht mehr starten. Das müssen Sie doch einsehen. Aber meine Generale verstehen eben nichts von Kriegswirtschaft.«

 

Die ungarischen Erdölquellen bei Nagy Kanisza waren kaum ergiebig. Nach ihrem Verlust blieben nur noch die Zistersdorfer Erdölquellen nördlich von Wien.

Ostdeutschland wurde auch in Ungarn verloren...

 

Guderian schlug vor, nun endlich Kurland zu räumen. Die Einkreisung Ostpreußens zeichnete sich ab.

Hitler war einverstanden, daß die 4. Panzer-Division aus Kurland nach Danzig abtransportiert wurde.

Wo die Heeresgruppe A gestanden hatte, stießen die Armeen Konjews auf Tschenstochau — Radomko — Petrikau — Tomaszow vor. Teilkräfte näherten sich Krakau. Lodz war bedroht. Starke Reserven folgten den Panzerarmeen. Sie kamen zum Teil aus Karelien und Finnland.

 

Am Abend dieses 16. Januar befahl General Nehring, den Rückmarsch anzutreten. Er gab ihm die Richtung nach Norden, vielleicht war da unbewußt der Gedanke mit im Spiel, mit den Panzern nach Westpreußen, in seine Heimat, zurückzukehren. Er vertraute darauf, daß sich die deutsche Ostfront im Hinterland wieder zusammenschließen würde. Deshalb wollte er den Anschluß an die eigene Front, die es zur Zeit noch nicht gab, gewinnen. »Jedem ist klar«, schreibt Nehring später, »daß nur das Zusammenhalten aller zum Ziel führen kann, das Absplit­tern in Einzelgruppen aber Tod oder Gefangenschaft bedeutet. Kameradschaft, Disziplin und Opferbereitschaft zeigen sich hier immer wieder. Große körperliche Anstrengungen mußten gebracht werden, denen viele Kameraden erlagen.«

 

General Jauer, der die 20. Panzergrenadier-Division kommandierte, meinte: »Das Eigenartige war, daß wir trotz aller Bedrängnis und Sorgen nie das Gefühl hatten, wir würden im Kessel unser Ende finden. Einer vertraute dem anderen, und jeder gab sein Bestes.«

 

Ein verlassener Betriebsstoffzug wird gefunden; aus ihm wird über Dachrinnen aufgetankt, nachdem die eingefrorenen Verschlüsse der Kesselwagen mit offenem Feuer aufgetaut wurden. Damit wird die Beweglichkeit der gepanzerten und motorisierten Teile sichergestellt. Was an Fahrzeugen nicht lebenswichtig ist, wird zerstört. Das Panzerkorps marschiert nachts, die Scheinwerfer abgeblendet, über Feldwege, durch Wälder. Es mei­det die festen Straßen, größere Orte. Tagsüber wird versteckt biwakiert, die Panzer verschwinden in Häusern und Schuppen. Auch das 42. Armeekorps ist auf dem Rückzug, nachts, nach Westen. Einmal müssen sich beide Korps treffen, wenn Nehring die Richtung nach Norden hält. Die Reichweite der Funk­geräte ist zu gering, um zu den Stäben Kontakt aufzunehmen, die immer weiter nach Westen zurückfallen. Es gibt keine deutsche Luftaufklärung; sowjetische Flugzeuge beherrschen den Luftraum.

Im Morgengrauen des 18. Januar stößt die Spitze der Marschgruppe im Wald südlich Ruski Brod, etwa 100 Kilometer nördlich von Kielce, auf starken Gegner.

 

Das schwierige Gelände ist für einen Panzerangriff ungeeignet. Nehring entschließt sich, das Korps nach Westen abzudrehen. Dies gelingt, ohne daß der Gegner folgt. Der Linksabmarsch führt dazu, daß Nehrings Korps auf die Reste des 42. Armeekorps trifft, dessen Kommandierender General Recknagel am Tage vorher gefallen ist. Nehring nimmt die Infanteristen auf, verstärkt sich dadurch und bereitet den Angriff nach Westen über die Pilica vor, an der starker Feind gemeldet ist.

 

General Tschuikows 8. Gardearmee steht an diesem Tage vor Lodz. Das ist Nehrings Glück, denn die besten Kräfte hat Tschuikow vorn; was er zurückließ, ist nicht viel wert. Nehring wird versuchen, die schwachen Flanken Tschuikows aufzureißen, aber was heißt  das jetzt. Man muß angreifen, um nach Deutschland heimzukehren, in das schon der russische Gegner eingedrungen sein wird, wenn man es erreicht hat.

 

Über eine Fliegerfunkstelle, die Nehrings Stab findet, gelingt es in der Nacht, einen sehr knappen Kurzwellenverkehr mit den Luftwaffenverbänden des Generals der Flieger Seidemann zustande zu bringen, die in Posen stationiert sind. Viel erfährt Nehring dabei nicht, nichts über den Gegner, den er vor sich hat, nichts über eine neu sich bildende deutsche Ostfront. Erst­mals erscheinen in der Nacht zum 20. Januar über Nehrings Soldaten deutsche Aufklärungsflugzeuge. Durch General Seidemann weiß Guderian, daß es einen »wandernden Kessel« in Po­len gibt, den Nehring führt. Guderian schickt ihm das Panzerkorps Großdeutschland entgegen, das unter dem General der Panzertruppe von Saucken die Gegend westlich Lodz erreicht hat. Seine beiden Divisionen sind in schwieriger Lage; sie mußten vor dem Feind von den Güterzügen ausladen, geschwächt in den Kampf mit überlegenen russischen Panzerverbänden geraten. Davon weiß Nehring nichts. Er hat nur das Gefühl, daß er nicht mehr ganz allein in dem weiten polnischen Land ostwärts der Warthe ist.

 

Am 20. Januar läßt er, noch aus dem Nachtmarsch heraus, den Gegner angreifen, den seine Aufklärung an der Brücke über die Pilica in Sulewo entdeckt hat. Der Angriff nach Westen, Rich­tung Heimat, ist erfolgreich. Nehring fährt im Stoßkeil der 16. Panzer-Division, zu dem die Reste der 17. Panzer-Division ge­hören, die am 12. Januar südlich Kielce ihre Panzer verloren hat. Die 20. Panzergrenadier-Division deckt den Angriff nach rechts ab, die 342. Infanterie-Division greift links vom Panzer­keil in breiter Front nach Westen an. Als sie auf 30 russische Panzer T34 stößt, kommt es zur Krise. Doch beim Panzerkeil geht alles gut, er schießt sich den Weg zur Pilica frei. Die Infanterie-Division kann sich vom Gegner absetzen, wobei sie Verluste hat.

 

Nehring weiß nun, daß der Pilica-Übergang von Sulewo, den die dreißig russischen Panzer für ihren Gegenangriff auf die In­fanterie-Division benutzten, gefährlich ist. Er hat noch einen weiten Weg vor sich. Jetzt erinnert er sich an eine kleine Behelfsbrücke, die er vom Kartenstudium kennt, denn die Pilica sollte eine rückwärtige Verteidigungslinie werden, falls der Gegner an der Weichsel durchbrach.

 

Während des Gefechts dreht er seine Panzer nach Nordwesten ab, um nördlich von Sulewo, im Raum zwischen diesem Ort und Tomaszow, an die Pilica zu gelangen. Dort vermutet er die Brücke, an die sich niemand aus seinem Stab erinnert. Durch diese Richtungsänderung seiner Panzerangriffsfront überrascht er den Gegner.

 

Ungehindert wird die vereiste, fünfzig Meter breite Pilica erreicht. Im Hochgefühl des Sieges über den Gegner, dessen Pan­zer sie abschossen, der Freiheit, die sie gewonnen hatten, bezie­hen die Divisionen in der frühen Abenddämmerung einen Brückenkopf, den sie nach rückwärts, gegen Osten, sichern. Pioniere gehen über das Eis, um nach Westen aufzuklären. Die Brücke muß erst noch gesucht werden, aber im Morgengrauen trifft bei Nehring die Meldung ein, daß sie dort steht, wo er sie aus der Erinnerung vermutet hatte. »Da die leichtgebaute Holzbrücke nur eine Tragfähigkeit von zwei Tonnen besitzt«, schreibt Nehring, »wird sie durch Unterstopfen mit Holzstäm­men verstärkt, daß sie für alle Fahrzeuge bis zu zwölf Tonnen genügt. Die Pantherkampfwagen furten durch den Fluß, die Panzer IV überschreiten die zusammenbrechende Brücke als letzte, wobei sie zwei eingebrochene Panzer als Brückenbehelf ausnutzen. Die Infanterieverbände einschließlich leichter Kraftfahrzeuge marschieren über das Eis. Nach dem Uferwechsel über die Pilica führt der Weitermarsch durch das deutsche rückwärtige Stellungssystem westlich des Flusses, dessen Hindernisse und Panzergräben der Truppe ernstliche Schwierigkeiten bereiten, da die Fahrzeuge einzeln durchgeschleust werden müssen. Erneut wurde gefragt, weshalb unsere Stellungsdivisio­nen diese hervorragend ausgebauten Stellungen nicht rechtzeitig vor der erwarteten russischen Offensive hatten beziehen dürfen. Der Vergleich mit dem planmäßigen und erfolgreichen Ausweichen auf die Hindenburg-Stellung in Frankreich im März  1917 lag nahe.«

 

In der Nacht zum 21. Januar kann, nach dem Erfolg an der Pilica, endlich gerastet werden. Sie sind jetzt bei Petrikau angelangt; Betriebsstoffkanister werden von einem deutschen Flugzeug abgeworfen. Das Kriegstagebuch des OKW nennt »Luftversorgung durch 11 Flugzeuge«. Aber nur eines kam an.

 

Wohin soll Nehring weitermarschieren? Er muß sich nun entscheiden. Wo würde er das Panzerkorps »Großdeutschland« finden? Er hatte keine Funkverbindung zu General von Saukkens Stab. Von polnischen Zivilisten erfährt Nehring, daß starke russische Truppen bei Lodz eingetroffen seien. Guderian hatte ihm gefunkt, »Großdeutschland« stehe bei Lodz.

 

Nehring weiß nicht, daß gestern, als er an der Pilica angriff, Tschuikows 8. Gardearmee zum Sturm auf Lodz ansetzte.

Beide Generale im Angriff nach Westen, vorn der russische General, weit hinter ihm zurück der deutsche General; der Bewegungskrieg nach Deutschland scheint zum Wettlauf zu werden. Doch auch Tschuikow weiß nichts von Nehrings Divisionen, die in seiner linken Flanke das gleiche Ziel wie seine Soldaten haben, nach Deutschland, über die Grenze zu marschieren.

 

Gibt Nehring seinem »wandernden Kessel« jetzt die Richtung auf Lodz, dann ist er verloren. Dort war das Panzerkorps »Großdeutschland« vor Tschuikows Truppen kämpfend nach Westen ausgewichen. Davon wußte Nehring nichts. Lodz war von den Deutschen in Litzmannstadt umbenannt worden, denn in der Nähe jener Stadt liegt die Ortschaft Brzeziny. Dort hatten im Ersten Weltkrieg die Generale Litzmann und von Scheffer ihre Truppen durch die russische Einschließung nach Westen zurückgeführt. Jener »Durchbruch bei Brzeziny« fiel Nehring ein. Ähnliches könnte ihm jetzt bevorstehen, wenn er auf Lodz zumarschierte. Etwas warnte ihn, vielleicht auch die Einsicht, daß sich in der Kriegsgeschichte vieles zwar wiederholte, aber glückliche Unternehmungen selten. Einen Durch­bruch durch eine Stadt will er nicht. Er muß ja noch bis zur Oder, das ist ein weiter Weg dorthin, dafür braucht man Kraft.

 

General Tschuikow, der jetzt durch das eroberte Lodz fährt, wundert sich, daß alles auf »deutsche Lebensweise« umgestellt wurde, emaillierte Schilder mit fremden Straßennamen, deut­sche Beschriftungen der Läden, an den Türen der Cafés und Geschäfte: »Nur für Deutsche. Für Polen Zutritt verboten.«

 

Er hatte gedacht, er werde eine polnische Stadt nehmen, nun sah sie deutsch aus, aber die Eroberung hatte der Stadt nichts angetan. Sie blieb unzerstört, es gab noch Strom und Wasser, und aus den Fenstern hingen polnische und sowjetische Fahnen.

Jetzt befiehlt ihm Marschall Schukow, schneller vorzugehen, für fünf Tage werden den Armeen Ziele gegeben, nicht mehr, wie bisher, nur für einen Tag. Von nun an sollen täglich 25 bis 30 Kilometer zurückgelegt werden.

Wie könnte Nehring diese schnellen russischen Verbände vor der Oder noch einholen. Der deutsche General stellte sich vor, wie die Russen nach Schlesien, in die Mark Brandenburg eindrangen, und er immer hinter ihnen her!

Er hatte kaum noch Betriebsstoff und mußte die Panzer aufgeben, noch langsamer werden. Zu essen gab es wenig. Man mußte sich von Kartoffeln ernähren, die über kleinen Feuern gebraten wurden.

 

Er dachte auch daran, daß die Kraft seiner Soldaten einmal er­schöpft sein mußte. Er erinnerte sich, wie er mit dem 24. Panzerkorps im Oktober 1943 über den Dnjepr zurückging; am westlichen Ufer  mußten sie sich sofort mit dort abgesprungenen russischen Fallschirmjägern schlagen. Jetzt, dachte er, würden nicht Fallschirmjäger das Oderufer besetzt halten, es wären ganze Panzerarmeen dort angekommen. So käme er für die Ab­wehr an der Oder wohl zu spät. Aber sein Wille, seine Soldaten ins Reich zu bringen, blieb stark.

 

Der Wehrmachtsbericht gab wenig für ihn her, er enthüllte nicht die Katastrophe im Osten. Sein Stab riet ihm, auf Lodz zu marschieren. Aber dort mußte doch das Panzerkorps »Großdeutschland« stehen, meinte er, und es beunruhigte ihn, daß er immer noch allein mit seinen Soldaten war. Er wollte sich also nicht nach Lodz wenden, obwohl eine gute Straße dorthin führte. Phantasie muß ein Panzergeneral haben, deshalb befiehlt Nehring, südlich von Lodz über die Heide, durch die Wälder zu marschieren. Das Wetter hilft. Die nächsten Tage sind neblig. Die Sichtweite beträgt dreißig Meter. Die Marschkolonne bleibt der Luftaufklärung und Erdaufklärung verborgen. Dieser Nebel hält an, bis die Marschkolonnen am 22. Januar die Warthe bei Sieradz erreichen.

 

Vorher wird ein russisches Bataillon von Nehrings Panzern zersprengt, das ein Dorf auf seinem Marschweg besetzen will.

Dann hatte die Panzerspitze Wegeschilder »Großdeutschlands«, des Panzerkorps, gefunden, die aus dem Nebel auftauchten. Das Panzerkorps war also doch schon hier, dachten Nehring und seine Soldaten. Endlich treffen sie auf einen Panzerspähtrupp von »Großdeutschland«. Sie erfahren, daß das Korps Saucken beiderseits von Sieradz schon westlich der Warthe stehe, aber einen kleinen Brückenkopf ostwärts von Chojne gebildet habe, um den »wandernden Kessel« aufzunehmen.

 

Aber erst muß Nehring noch über einen anderen Flußabschnitt, über die Grabia. Dort nimmt die 16. Panzer-Division am Abend des 21. Januar eine Brücke und schießt zwei schwere Russen-Panzer ab. Sanitätsflugzeuge landen, um Verwundete abzuholen. In der Nacht geht Nehrings Truppe über den Fluß, doch muß­ten viele Fahrzeuge wegen Mangels an Betriebsstoff gesprengt werden. Im Nebel liegen noch immer die Schneefelder Polens, als sie am Morgen des 22. Januar auf die Panzergrenadier-Division »Brandenburg« stoßen. Bis die beiden Korps, die Nehring zurückgeführt hatte, das westliche Ufer der Warthe erreicht haben, dauert es einige Tage. So lang waren die Marschkolon­nen. Der von den Russen angegriffene Brückenkopf wird gehalten.

 

Nach 11 Tagen und 250 Kilometern Marsch war Nehrings Truppe nicht mehr allein. Aber sie hatte keine neue deutsche Front angetroffen. Sauckens Panzerkorps »Großdeutschland« hinter der Warthe war ebenfalls abgeschnitten. Die russischen Panzer hatten schon wichtige Straßenknotenpunkte wie Kalisch, Ostrowo, Koschmin und Krotoschin besetzt.

Ohne jeglichen Nachschub mußten Nehrings und Sauckens Soldaten noch 100 Kilometer nach Westen marschieren, bis sie zum Monatsende die Oder bei Glogau erreichten, wo das Korps »Großdeutschland« ostwärts der Oder nach Süden eingesetzt wurde, während das 24. Panzerkorps die Verteidigung der Oder übernahm. Erst dort hätte das Korps Nehring wie Xenophons Krieger im Altertum beim Erreichen des Schwarzen Meeres »Thalatta! Thalatta!« rufen können, aber es ging stumm über die Brücke. Es lag kein Grund vor, zu jubeln. Schreckliches hat­ten sie unterwegs gesehen, so auf der Straße Guhrau—Glogau zwischen Jästerheim und Konradswald einen mehrere Kilometer langen Treck, völlig zusammengeschossen, von Panzern blutig in den Straßengraben gewalzt, zerfetzte Leichen von Greisen, Müttern, Kindern und Säuglingen.

 

Das OKH hatte geplant, den »wandernden Kessel« nach Bres­lau zu schicken, um die Stadt zu halten. Doch bis dahin reichte die Versorgung nicht mehr. Anderes war hinzugekommen.

Als sie endlich hinter der Oder angelangt waren, wurden die Verbände sofort wieder in den Kampf geworfen. Die russischen Armeen hatten längst die Oder erreicht und bei Steinau einen Brückenkopf über den Fluß gebildet. Tschuikows 8. Gardearmee war einige Tage vor Posen aufgehalten worden, doch konnte die Festung nicht genommen werden. Da umging sie Tschuikow. Seine Truppen überschritten am 28. Januar die deutsche Grenze. Tschuikow fuhr zu ihnen und las, was von seinen Soldaten auf die deutschen Grenzsteine gemalt worden war: »Hinein ins Tausendjährige Reich!«

 

In pausenlosen Gefechten hatte seine Armee 350 Kilometer zurückgelegt, die nun Mangel an Munition, Treibstoff und Lebensmitteln litt. Es fehlten Kraftfahrzeuge. Aus dem russischen Hinterland erreichte sie noch keine Eisenbahn, denn die west­europäische Normalspur mußte erst auf russische Breitspur umgestellt werden.

Die zu Festungen erklärten Städte Schneidemühl, Posen und Breslau waren eingeschlossen. Die Eroberung Berlins wurde in den höheren russischen Stäben diskutiert, Befehle dafür lagen jedoch nicht vor.

Nach diesem Wettlauf zur Oder waren beide Seiten erschöpft.

 

Am 25. Januar hatte Guderian den deutschen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop in dessen Dienstwohnung in der Berliner Wilhelmstraße aufgesucht, die gerade neu hergerichtet worden war. Er fragt ihn, nachdem er ihm die Lage vorgetragen hat: »Was würden Sie sagen, wenn die Russen in drei bis vier Wochen vor den Toren Berlins stünden?«

»Halten Sie das überhaupt für möglich?«, ruft Ribbentrop ent­setzt. Guderian will Ribbentrop dazu bringen, mit ihm zu Hitler zu gehen, um für den Außenminister freie Hand für Waffenstillstandsverbandlungen mit dem Westgegner zu erreichen. Abends war Hitler über diese Absicht bereits informiert. Er sagte bei der Lagebesprechung zu Guderian: »Wenn also der Chef des Generalstabes den Reichsaußenminister aufsucht und ihn über die Ostlage informiert, mit dem Ziel, dadurch zum Waffenstillstand mit den Westmächten zu kommen, so begeht er damit Landesverrat.«

 

»Hitler«, schreibt Guderian, »tobte noch eine Zeitlang weiter, bis er merkte, daß er keinen Eindruck auf mich machte.«

Am folgenden Tag beantragt Guderian, die Rekruten des Jahr­ganges 1928 aus den östlichen Wehrkreisen nach dem Westen abzutransportieren, um die unausgebildeten Sechzehnjährigen nicht in die Kämpfe geraten zu lassen. Er hat Erfolg.

 

Inzwischen war am 25. Januar die Heeresgruppe Weichsel auf­gestellt worden, deren Oberbefehlshaber Heinrich Himmler wurde. Das Ersatzheer wurde weitgehend aufgelöst, als am 30. Januar der Gneisenau-Befehl erging.

»Am 27. Januar begann der Abtransport der 6. SS-Panzerarmee nach dem Osten«, schreibt Guderian. »Ich trat nun mit meinen Vorschlägen an Hitler heran, alle Kräfte in den Raum ostwärts von Berlin zu befördern und sie dort in zwei Gruppen bei Glogau — Cottbus und in Pommern ostwärts der Oder zu versam­meln, um aus dieser Gruppierung die weit vorgestoßene Spitze des russischen Angriffskeiles anzugreifen, solange sie noch schwach war und infolge des Haltens der Ostfestungen keinen Nachschub erhielt.«

 

Tschuikows Lagebeurteilung am gleichen Tage mußte Guderian recht geben.

Doch: »Hitler blieb aber bei seinem Gedanken, die Masse dieser Truppen nicht zur Verteidigung Deutschlands, besonders der Hauptstadt, sondern zu einem Angriff in Ungarn einzusetzen. Jodl berechnete für den Antransport des ersten Korps eine Dauer von 14 Tagen. Bis der Gesamtaufmarsch beendet sein konnte, mußten viele Wochen vergehen. Vor Anfang März war an den Beginn des Angriffs in Ungarn jedoch nicht zu denken. Wie aber mußte es bis dahin vor Berlin aussehen?«

 

Und was war mit Schlesien, was mit Ost- und Westpreußen, was mit Pommern?

Am 20. Juli 1944 hatte eine Besprechung der Regierungspräsi­denten mit dem Staatssekretär Stuckart vom Reichsinnenmini­sterium stattgefunden, um Klarheit über die Aufgaben zu erhalten, die beim Herannahen und Eindringen des Gegners in Schlesien zu erwarten seien. Eine künftige Treckbewegung wurde vorgesehen, genaue Anweisungen über die Räumung er­teilt. Man legte Einzelheiten fest. Nur die Ziele, die von den Trecks angesteuert werden sollten, ließ man aus.

 

Man konnte sich vieles vorstellen, aber doch dieses nicht: daß alles tatsächlich geschehen könnte.

»Ich kann Euch, Soldaten des 24. Panzerkorps, für die Zukunft nur wünschen, daß Ihr Euch in den kommenden entscheiden­den Kämpfen um das Leben des deutschen Volkes genau so ruhmvoll bewährt, wie Ihr es jetzt wieder getan habt«, hatte General Nehring in seinem Tagesbefehl Ende Januar gesagt. Aber da er ein nachdenklicher Mann war, der sich nicht scheu­te, in seinen Tagesbefehlen auch die Wahrheit zu sagen, denn er war Soldat, und ihm galt die Wahrheit alles, hatte er einen sibyllinischen Satz noch angefügt, der die ganze Wahrheit doch enthielt, betrachtet man das Ende: »Daß es nicht anders sein wird, ist meine feste Gewißheit.«

Dachte er daran, daß er oder seine Soldaten den letzten Kampf auf ähnliche Weise führen müßten, nämlich im Durchbruch nach Westen?

Wohin sonst sollte das alles führen?